Archiv für Dezember 2013

Diskussion über Antisemitismus unerwünscht? ZAKK Düsseldorf lädt „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ aus

Stellungnahme der Veranstalter*innen

Die Veranstaltungsreihe „Aspekte des Antisemitismus“ hat eine Ausladung vom Zentrum für Aktion, Kultur und Kommunikation (ZAKK) erhalten. Die Veranstaltungsreihe findet im Zuge der „Aktionswochen gegen Antisemitismus“ der Amadeu-Antonio-Stiftung statt und wird außerdem von der Heinrich-Böll-Stiftung NRW unterstützt.

Zu den Veranstalter*innen
Wir, der Arbeitskreis Kritische Theorie (AKKT) sind ein Zusammenschluss von Studierenden der Heinrich-Heine-Universität und der Fachhochschule Düsseldorf, der seit zwei Jahren Veranstaltungsreihen rund um das Thema Kritische Theorie im ZAKK organisiert. Diese fanden bisher immer erfolgreich und problemlos statt.

Zur Ausladung
Im Vorfeld der offiziellen Ausladung wurden wir vom ZAKK gebeten, Stellung zu einer E-Mail zu beziehen, in der die Referent*innen unserer Veranstaltungen, Paul Mentz, Karina Korecky und Alex Feuerherdt als „Kriegshetzer und rassistische Antiislamisten“ verleumdet wurden. Wir haben daraufhin per E-Mail gegenüber dem ZAKK ausführlich klargestellt, dass der unbegründete Rassismusvorwurf gegenüber den Referent*innen haltlos ist. Wir boten dem ZAKK in dieser E-Mail an, mit uns persönlich zu diskutieren. Dieses Angebot wurde von Seiten des ZAKK jedoch ignoriert und uns wurde stattdessen am 23.10.2013 mittels einer weiteren E-Mail mitgeteilt, dass die Veranstaltungsreihe „Aspekte des Antisemitismus“ nicht im ZAKK stattfinden dürfe. Außerdem hieß es, dass die Veranstaltungsreihe „Feministische Kritik heute“, die im Vorfeld im ZAKK stattfinden sollte, nicht mehr vom ZAKK unterstützt werde. Letztgenannter Schritt wurde von Seiten des ZAKK leider nicht begründet. Da wir an einem Ort, an dem eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus offenbar nicht erwünscht ist, keine Veranstaltungen durchführen möchten, haben wir unsere Veranstaltungsreihe „Feministische Kritik heute“ kurzfristig in andere Räumlichkeiten verlegen müssen.

Die Stellungnahme des ZAKK
Der sehr kurzen Stellungnahme des ZAKK zur Ausladung ist zu entnehmen, dass die Referent*innen „einseitige Thesen“ vertreten würden, welche den „Grundlagen der Kulturarbeit“ des ZAKK widersprächen. Außerdem habe die Veranstaltungsreihe „wenig mit dem eigentlichen Anliegen, der Auseinandersetzung mit “kritischer Theorie”, zu tun“.
Da uns bis heute und trotz expliziter Nachfrage keine ausführlichere Stellungnahme des ZAKK erreicht hat und auch wiederholte Diskussionsangebote ignoriert wurden, müssen wir davon ausgehen, dass das ZAKK eine Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Antisemitismus nicht wünscht.

Das ZAKK unterstellt des weiteren den Referent*innen der Reihe “Aspekte des Antisemitismus” “Einseitigkeit”, ohne diesen Vorwurf zu begründen. Es ist für eine “offene Kulturarbeit” unserer Ansicht nach nicht nötig, alle Positionen unserer Referent*innen zu teilen, wenn eine öffentliche Kultureinrichtung wie das ZAKK den Raum für den Diskurs zu diesem Thema verweigert, dann kann man von dieser Einrichtung zumindest erwarten, dies gut zu begründen. Wir halten die von uns ausgewählten Referent*innen für kompetent und qualifiziert, was ihre jeweiligen Veranstaltungsthemen betrifft. Alle Referent*innen können auf diverse wissenschaftliche Publikationen verweisen und veröffentlichen zudem regelmäßig in renommierten Zeitschriften wie der Jüdische Allgemeine, Konkret oder Exit! und halten ebenso regelmäßig Vorträge an Universitäten oder in Soziokulturellen Zentren, wie dem Druckluft Oberhausen, dem Bollwerk 107 in Moers oder der Alten Feuerwache in Köln. Zudem hätte es nach jedem Vortrag selbstverständlich Raum für Diskussionen und kritische Fragen gegeben.

Die Argumentation, “die geplanten Veranstaltungen haben wenig mit dem eigentlichen Anliegen, der Auseinandersetzung mit “kritischer Theorie”, zu tun” ist zudem in keiner Weise haltbar. Offensichtlich haben sich die Verantwortlichen im ZAKK nicht mit der Kritischer Theorie und unseren Referent*innen intensiver auseinandergesetzt. Die Kritische Theorie, die maßgeblich vom Frankfurter Institut für Sozialforschung seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt wurde, setzt sich seit ihrer Entstehung mit dem Antisemitismus auseinander. Paul Mentz referiert zum Thema “Antismitismus und autoritärer Charakter”. Der Begriff des autoritären Charakters wurde von den bekanntesten Autoren der Kritischen Theorie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geprägt. Der Vortrag von Ljiljana Radonic, Historikerin an der Universität Wien, bezieht sich auf ihre Monografie „Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus“. Wie der Titel schon deutlich macht, nimmt hier die Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie eine zentrale Rolle ein.

Da wir als AKKT selbstverständlich an einer Weiterentwicklung der Kritischen Theorie interessiert sind, wollen wir auch gegenwärtige gesellschaftliche Phänomene in den Blick nehmen. Dass ein israelbezogener Antisemitismus eine weit verbreitete Form des Antisemitismus ist, ist in der aktuellen Antisemitismusforschung unumstritten und auch in einer Arbeitsdefinition der EU wird von einem israelbezogenen Antisemitismus ausgegangen. Aus diesem Grunde haben wir den Journalisten Alex Feuerherdt eingeladen, um über „die unheimliche Popularität der ’Israelkritik’“ zu referieren.

„Grundlagen der Kulturarbeit“
Desweiteren beanstandete das ZAKK in der Ausladung, die Veranstaltungen der Reihe “Aspekte des Antisemitismus” würden gegen die „Grundlagen der Kulturarbeit“ des ZAKK verstoßen. Im Selbstverständnis des ZAKK heißt es: “Friedliches Zusammenleben, soziale Gerechtigkeit, Antirassismus und Antifaschismus, Emanzipation und Partizipation sind Werte, an denen sich die Kulturarbeit im ZAKK weiterhin orientiert.” Wir fragen uns daher, was sollen diese Grundlagen beinhalten, wenn nicht auch eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus? Desweiteren stellt sich uns die Frage, ob das Einladen von Anhängern der Theorien Thilo Sarrazins und Antiziganismus Teile dieser „Kulturarbeit“ sind?

So lädt das ZAKK etwa regelmäßig zu einer „Gypsy-Party“ ein, dabei bedient es sich antiziganistischer Klischees auf den Flyern. Auch das Musikkollektiv „Schwarze Katze / weißer Kater“ legt dabei auf. Der Name bezieht sich auf einen Film, in dem romantisierende Stereotype über Roma und Sinti verbreitet werden.

Desweiteren konnte im ZAKK am 14.05.2013 eine Veranstaltung des “Düsseldorfer Aufklärungsdienst” mit Gerhard Schurz im ZAKK stattfinden, Schurz hat unter anderem gegenüber dem Focus die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin verteidigt. So bezeichnete Schurz etwa Sarrazins Buch “Deutschland schafft sich ab” als „ein seriöses Werk“ das „eine Reihe kluger Vorschläge“ mache, welche dem derzeitigen „einwanderungspolitisch unhaltbaren Zustand“ entgegenwirken würden. Schon dem Ankündigungstext der Veranstaltung war zu entnehmen, dass es sich bei Schurz um einen Sozialdarwinisten handelt der die “Evolutionstheorie auch außerhalb der Biologie” anwenden möchte.

Wie derartige Veranstaltungen ein “Friedliches Zusammenleben, soziale Gerechtigkeit, Antirassismus und Antifaschismus, Emanzipation und Partizipation“ fördern sollen und warum dies eine Veranstaltungsreihe zur Kritik des Antisemitismus nicht tun soll, bleibt das Geheimnis des ZAKK.

Auseinandersetzung mit Antisemitismus verbieten?
Die Ausladung der “Aktionswochen gegen Antisemitismus” des ZAKK ist erschreckend. Wie diverse Studien immer wieder belegen, ist Antisemitismus in Deutschland stark verbreitet. So gaben zum Beispiel bei einer Befragung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte 63 Prozent der Juden in Deutschland an, jüdische Symbole in der Öffentlichkeit aus Angst vor Übergriffen zu vermeiden. Der Antisemitismusbericht der Bundesregierung 2012 fand zudem raus, dass jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist und 2003 hielten in einer Umfrage der EU-Kommissionen 65% der Deutschen Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens. Umso wichtiger sind die „Aktionswochen gegen Antisemitismus“, in deren Rahmen unsere Veranstaltungsreihe stattfindet. Sie sind die bundesweit größte Kampagne gegen Antisemitismus, in der in diesem Jahr bundesweit über 350 Veranstaltungen organisiert werden. Eine Absage, wie die des ZAKK, ist ein einmaliger Vorgang in der elfjährigen Geschichte der Aktionswochen, wie die Amadeu-Antonio-Stiftung uns mitteilte. Es ist erschreckend, dass ein soziokulturelles Zentrum, welches jährlich 740.000 Euro öffentliche Gelder bekommt, seine Räume für die “Aktionswochen gegen Antisemitismus” nicht zur Verfügung stellt und damit versucht eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus in seinen Räumlichkeiten zu unterbinden.

Wir sind entsetzt über die Absage und darüber, dass das ZAKK zu keiner Zeit das Gespräch mit uns gesucht hat, obwohl wir dies mehrmals angeboten haben. Umso mehr freuen wir uns über die Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung NRW und der Amadeu Antonio Stiftung.

Im Rahmen der “Aktionswochen gegen Antisemitismus” finden noch zwei weitere Veranstaltungen in Düsseldorf statt zu denen wir alle Interessierten herzlich einladen:

11.12.: Ljiljana Radonic – “Die friedfertige Antisemitin? – Vom weiblichen Opfermythos”
16.12.: Alex Feuerherdt – “Die unheimliche Popularität der „Israelkritik”

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 19:30 Uhr in den Räumen der
Fachhochschule Düsseldorf
Universitätsstr. 1
40225 Düsseldorf
Gebäude 24.21
Raum 02.61/62