Veranstaltungen 2013:

Paul Mentz – “An­ti­se­mi­tis­mus und au­to­ri­tä­rer Cha­rak­ter”
27.​11.​2013 – 19:30 Uhr FH Düsseldorf- Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Universitätsstr, 40225 Düsseldorf,
Gebäude 24.21, Raum 02.61/62

Ein Vor­trag zur Kri­tik des An­ti­se­mi­tis­mus steht, um es mit den Wor­ten des Pol­ni­schen Phi­lo­so­phen Les­zek Kołakow­ski aus­zu­drü­cken, vor dem Pro­blem, dass es sich beim An­ti­se­mi­tis­mus um keine Dok­trin han­delt, „die man kri­ti­sie­ren kann, son­dern [um] eine Hal­tung, deren so­zia­le Wur­zeln so ge­ar­tet sind, daß sie nach kei­ner Be­grün­dung su­chen muß.“ Die Vor­stel­lung, man könn­te einen An­ti­se­mi­ten mit­tels im­ma­nen­ter Kri­tik zur Ver­nunft brin­gen und ihn von der Ir­ra­tio­na­li­tät sei­nes An­lie­gens über­zeu­gen, ist naiv, in­so­fern die Den­kart des An­ti­se­mi­tis­mus auf einem Re­flex be­ruht, der im un­ver­söhn­li­chen Ge­gen­satz zu Theo­rie und Wis­sen­schaft steht. „Davon hat sich jeder über­zeugt, der Ge­le­gen­heit hatte, mit einem An­ti­se­mi­ten eine jener hoff­nungs­lo­sen Dis­kus­sio­nen zu füh­ren, die immer dem Ver­such äh­neln, einem Tier das Spre­chen bei­zu­brin­gen.“ Im Ge­gen­satz zu Ideo­lo­gi­en, die mit­tels im­ma­nen­ter Kri­tik auf­zu­bre­chen sind, han­delt es sich Det­lev Claus­sen zu­fol­ge bei dem An­ti­se­mi­tis­mus um „eine ge­walt­tä­ti­ge Pra­xis und eine Recht­fer­ti­gung der Ge­walt zu­gleich“. In­so­fern der An­ti­se­mi­tis­mus auf einem „Reiz kon­for­mis­ti­scher Re­bel­li­on“ fun­diert, ist es aus­sichts­los, der an­ti­se­mi­ti­schen Logik die ei­ge­nen im­ma­nen­ten Wi­der­sprü­che auf­zu­zei­gen, zu­gleich gilt es aber fest­zu­hal­ten, dass der An­ti­se­mi­tis­mus ge­sell­schaft­li­che Ur­sa­chen hat. Um die Wir­kungs­mäch­tig­keit des An­ti­se­mi­tis­mus als Re­sul­tat einer ge­schei­ter­ten Auf­klä­rung in sei­ner To­ta­li­tät näher zu be­stim­men, sol­len so­wohl die his­to­ri­sche Ge­ne­se des An­ti­se­mi­tis­mus, wie auch des­sen Grund­la­gen in der po­li­ti­schen Öko­no­mie, und der Psy­che der Sub­jek­te un­ter­sucht wer­den.

Paul Mentz hat in Bo­chum Phi­lo­so­phie und So­zio­lo­gie stu­diert und plant in nicht allzu fer­ner Zu­kunft über den Frei­heits­be­griff bei Theo­dor W. Ador­no zu pro­mo­vie­ren.

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Ljil­ja­na Ra­do­nic – “Die fried­fer­ti­ge An­ti­se­mi­tin? – Vom weib­li­chen Op­fer­my­thos”
11.​12.​2013 – 19:30 Uhr FH Düsseldorf- Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Universitätsstr, 40225 Düsseldorf,
Gebäude 24.21, Raum 02.61/62

Haben Frau­en das­sel­be Be­dürf­nis wie Män­ner, un­er­laub­te Re­gun­gen auf „Sün­den­bö­cke“ zu pro­ji­zie­ren oder sind sie zu ag­gres­si­vem Ver­hal­ten und An­ti­se­mi­tis­mus gar nicht fähig? Sind Frau­en tat­säch­lich das „fried­fer­ti­ge Ge­schlecht“ wie M. Mit­scher­lich be­haup­tet?

Jah­re­lang hat die „neue Frau­en­be­we­gung“ im Sinne einer iden­ti­täts­stif­ten­den Ge­schichts­schrei­bung ein po­si­ti­ves Bild von „der Frau“ im NS ge­zeich­net, was nicht sel­ten zu einer den Ho­lo­caust ver­harm­lo­sen­den und an­ti­se­mi­ti­schen Ar­gu­men­ta­ti­on führt(e). Ent­ge­gen der Tat­sa­che, dass Frau­en als KZ-​Auf­se­he­rin­nen, De­nun­zi­an­tin­nen oder Für­sor­ge­rin­nen an der an­ti­se­mi­ti­schen Aus­gren­zung und Ver­nich­tung von Jü­din­nen und Juden be­geis­tert mit­wirk­ten, wer­den sie in fe­mi­nis­ti­schen Schrif­ten oft auch, im Wi­der­spruch zu dem obi­gen po­si­ti­ven Bild, gerne als auf die Mut­ter­rol­le re­du­zier­te „Ge­bär­ma­schi­nen“ (Re­na­te Wig­gers­haus) dar­ge­stellt. Wäh­rend 1988 zum Jahr des Ho­lo­causts an den Frau­en er­klärt wurde, gaben fe­mi­nis­ti­sche Theo­lo­gin­nen dem Ju­den­tum die Schuld am Un­ter­gang des Ma­tri­ar­chats, dem Pa­tri­ar­chat wei­ters die Schuld am Na­tio­nal­so­zia­lis­mus… Wie die Schuld­ket­te wei­ter­geht, kann man bei Gerda Wei­ler nach­le­sen – ein fe­mi­nis­ti­scher Fall von Täter(innen)-​Op­fer-​Um­kehr.

Ist dem fe­mi­nis­ti­schen Op­fer­my­thos seine Grund­la­ge ent­zo­gen, so lässt sich auf Basis einer kri­ti­schen Theo­rie des An­ti­se­mi­tis­mus die Frage stel­len, ob der An­ti­se­mi­tis­mus bei Frau­en und Män­nern die glei­chen Be­dürf­nis­se be­frie­digt, oder ob ent­spre­chend der ver­schie­de­nen Ge­schlech­ter­rol­len un­ter­schied­li­che In­hal­te pro­ji­ziert wer­den. Und wel­che Rolle spielt dabei die Ent­wick­lung zu einer „va­ter­lo­sen Ge­sell­schaft“, in der cha­rak­ter­lo­se Cha­rak­te­re die au­to­ri­tä­re Per­sön­lich­keit ab­lö­sen?

Ljil­ja­na Ra­do­nic ist Lehr­be­auf­trag­te am Wie­ner In­sti­tut für Po­li­tik­wis­sen­schaft. „Die fried­fer­ti­ge An­ti­se­mi­tin? Kri­ti­sche Theo­rie über Ge­schlech­ter­ver­hält­nis und An­ti­se­mi­tis­mus“ ist 2004 im Peter Lang-​Ver­lag er­schie­nen.

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Alex Feu­er­herdt – “Die un­heim­li­che Po­pu­la­ri­tät der „Is­rael­kri­tik”
16.​12.​2013 – 19:30 Uhr FH Düsseldorf- Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Universitätsstr, 40225 Düsseldorf,
Gebäude 24.21, Raum 02.61/62

38,4 Pro­zent der Deut­schen ver­tre­ten einer Um­fra­ge zu­fol­ge die An­sicht: „Bei der Po­li­tik, die Is­ra­el macht, kann ich gut ver­ste­hen, dass man etwas gegen Juden hat.“ 39,5 Pro­zent glau­ben: „Viele Juden ver­su­chen, aus der Ver­gan­gen­heit des Drit­ten Rei­ches heute ihren Vor­teil zu zie­hen.“ Und gar 57,3 Pro­zent mei­nen: „Is­ra­el führt einen Ver­nich­tungs­krieg gegen die Pa­läs­ti­nen­ser.“ Die po­pu­lä­re Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­t i­on „Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal“ be­zich­tigt den jü­di­schen Staat wahr­heits­wid­rig, den Pa­läs­ti­nen­sern das Was­ser zu steh­len und sie da­durch an den Rand des Ver­durs­tens zu brin­gen. Die weit­aus meis­ten west­li­chen Po­li­ti­ker be­trach­ten nicht etwa das ira­ni­sche Atom­pro­gramm oder Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Hamas und die His­bol­lah, son­dern die is­rae­li­schen Sied­lun­gen in den um­strit­te­nen Ge­bie­ten als „Haupt­hin­der­nis für den Frie­den im Nahen Osten“ und sind hell­auf em­pört, wenn ihnen die Frage ge­stellt wird, warum Juden in einem pro­spek­ti­ven pa­läs­ti­nen­si­schen Staat ei­gent­lich nicht leben dür­fen sol­len. Das Feuille­ton springt na­he­zu uni­so­no einem deut­schen Pu­bli­zis­ten bei, der Is­ra­el in sei­nen Ko­lum­nen re­gel­mä­ßig mit mar­ki­gen Wor­ten at­ta­ckiert und de­le­gi­ti­miert, wenn genau dies von einer ame­ri­ka­ni­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­t i­on zum An­lass ge­nom­men wird, die Aus­fäl­le die­ses Pu­bli­zis­ten in eine Liste der übels­ten an­ti­se­mi­ti­schen und an­ti­is­rae­li­schen Äu­ße­run­gen auf­zu­neh­men.

Wie kommt es, dass Is­ra­el immer wie­der dä­mo­ni­siert und ihm de facto das Recht ab­ge­spro­chen wird, sich gegen seine Fein­de zur Wehr zu set­zen? Warum wird die­sen Fein­den so viel Ver­ständ­nis ge­zollt oder gar Sym­pa­thie ent­ge­gen ge­bracht? Wes­halb ist die so ge­nann­te Is­ra­el­kri­tik vor allem hier­zu­lan­de so un­ge­heu­er po­pu­lär, und was treibt sie an – in der Po­li­tik, in den Me­di­en, in der Be­völ­ke­rung?

Alex Feu­er­herdt ist frei­er Autor und lebt in Köln. Er schreibt re­gel­mä­ßig für ver­schie­de­ne Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten zu den The­men An­ti­se­mi­tis­mus und Nah­ost, unter an­de­rem für die Jü­di­sche All­ge­mei­ne, Kon­kret, den Ta­ges­spie­gel und die Jung­le World.

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Ka­ri­na Kor­ecky “ – “Ju­dith But­ler und die un­ei­gent­li­che Er­fah­rung – zur Kri­tik des Post­struk­tu­ra­lis­mus”
30.​10.​2013 – 19:00 Uhr – Fach­hoch­schu­le Düs­sel­dorf, Fach­be­reich So­zi­al-​ und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, Uni­ver­si­täts­str. 40225 Düs­sel­dorf, Ge­bäu­de 24.​21 Raum 182

Dass die Post­struk­tu­ra­lis­ten vor­aus­set­zen, was sie kri­ti­sie­ren oder ver­wer­fen, näm­lich Tra­di­ti­on, Iden­ti­tät, Ge­schich­te, Sinn und Hand­lungs­zie­le, haben schon so viele Schlau­mei­er ge­schrie­ben, dass es kaum der Wie­der­ho­lung wert ist. Das post­struk­tu­ra­lis­ti­sche Denk­ge­bäu­de fällt trotz die­ses grund­le­gen­den – und zu­tref­fen­den – Ein­wands nicht in sich zu­sam­men, was ver­mu­ten lässt, dass es (wie jede an­de­re Theo­rie auch) seine Evi­denz nicht aus sich her­aus be­zieht. Dem post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Denk­ge­bäu­de in­so­fern Irr­tü­mer und lo­gi­sche Fehl­schlüs­se, gar Nicht-​Über­ein­stim­mung mit die­ser oder jener und der ei­gen­en­Theo­rie, nach­zu­wei­sen, ist eine ei­ni­ger­ma­ßen sinn­lo­se Übung. Zu fra­gen wäre viel­mehr nach dem „Er­fah­rungs­ge­halt die­ses Den­kens“ (Peter Bür­ger), oder an­ders: da­nach, wel­chem ge­sell­schaft­li­chen Be­dürf­nis es ent­spricht. Für den Fe­mi­nis­mus be­steht die At­trak­ti­vi­tät des post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Den­kens genau in des­sen In­fra­ge­stel­lung von Wahr­heit, Sub­jekt und Ein­heit. Die pa­tri­ar­cha­le Sou­ve­rä­ni­tät des strah­len­den Sub­jekts als vor­aus­set­zungs­reich auf Kos­ten der Frau­en kon­sti­tu­iert an­zu­grei­fen, ist ein zen­tra­les Mo­ment fe­mi­nis­ti­scher Ge­sell­schafts­kri­tik und darin trifft sie sich, bei allen Dif­fe­ren­zen, mit einem den Post­struk­tu­ra­lis­mus mo­ti­vie­ren­den Im­puls. Die­ses Zu­sam­men­tref­fen wahr­zu­neh­men, ver­bie­tet eine Form der Kri­tik am post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Den­ken, die in Re­ak­ti­on dar­auf ih­rer­seits bloß auf Wahr­heit, Sub­jekt und Ein­heit pocht. Aus fe­mi­nis­ti­scher Per­spek­ti­ve soll­te des­halb dem Post­struk­tu­ra­lis­mus nicht sein Ver­zicht auf die Kon­sta­tie­rung von Wahr­heit, son­dern von ge­sell­schaft­li­cher Un­wahr­heit vor­ge­wor­fen wer­den. Ver­sucht wird das im Vor­trag an Ju­dith But­lers „Doing Gen­der“.

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Bar­ba­ra Um­rath – “Zwi­schen Ver­ein­nah­mung und Ein­di­men­sio­na­li­tät – Fe­mi­nis­ti­sche Kri­tik und die List der Ge­schich­te”
12.​11.​2013 – 19:00 Uhr – Fach­hoch­schu­le Düs­sel­dorf, Fach­be­reich So­zi­al-​ und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten, Uni­ver­si­täts­str. 40225 Düs­sel­dorf, Ge­bäu­de 24.​21 Raum 182

Fe­mi­nis­ti­sche For­de­run­gen haben seit ge­rau­mer Zeit Ein­zug in den po­li­ti­schen Main­stream ge­hal­ten – und damit nicht zu­letzt Dis­kus­sio­nen aus­ge­löst, ob es sich hier­bei um späte Er­fol­ge der Neuen Frau­en­be­we­gung oder nicht eher eine Art „feind­li­cher Über­nah­me“ fe­mi­nis­ti­scher Po­si­tio­nen han­delt. So spricht die Phi­lo­so­phin und Po­li­tik­wis­sen­schaft­le­rin Nancy Fra­ser von einer „Ver­ein­nah­mung“ und „Um­deu­tung“ fe­mi­nis­ti­scher Kri­tik. Im Vor­trag soll dis­ku­tiert wer­den, wie es zu einer sol­chen Um­deu­tung fe­mi­nis­ti­scher Po­si­tio­nen kom­men konn­te und wie diese in Zu­kunft zu ver­hin­dern ist. Zen­tra­le These ist, dass der Fe­mi­nis­mus nur dann sei­nen ge­sell­schafts­kri­ti­schen Im­puls zu­rück­ge­win­nen kann, wenn er sich wie­der stär­ker po­li­tisch-​öko­no­mi­schen Ent­wick­lun­gen zu­wen­det.

Zur Re­fe­ren­tin: Bar­ba­ra Um­rath hat Er­zie­hungs­wis­sen­schaf­ten, Psy­cho­lo­gie und So­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Augs­burg und der New School for So­ci­al Re­se­arch, New York stu­diert. Sie ist Kol­le­gia­tin im Gra­du­ier­ten­kol­leg „Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­se – Nor­ma­li­sie­rung und Trans­for­ma­ti­on“ der Uni­ver­si­tät Basel und ar­bei­tet an einer Pro­mo­ti­on zu Ge­schlecht und Kri­ti­scher Theo­rie.

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    Veranstaltungen 2012

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24.1.2012, 19.15 Uhr
Stefan Müller: Das Geheimnis der (negativen) Dialektik. Einführung in ein (gar nicht so) schwieriges Thema

Das Verfahren der Dialektik gilt oft als schwierig und ist zudem geheimnisumwittert. Anhand der zahlreichen Hinweise, die Theodor W. Adorno zur Konzeption einer negativen Dialektik gibt, soll einführend dargestellt werden, welche Momente eine dialektische Argumentation umfasst: (Minimal-)Bedingungen einer dialektisch konfigurierten Verfahrensweise werden aufgezeigt. Zentral werden die Kategorien ‚Widerspruch’ und ‚Vermittlung’ beispielhaft an Adornos Kritischer Theorie erläutert und diskutiert. Vorkenntnisse sind hilfreich, aber nicht notwendig.

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22.02.2012, 19.30 Uhr
Christoph Hesse: “Dynamit der Zehntelsekunden” — Benjamin, Brecht, Adorno und das Kino.

Kino ist gediegene Unterhaltung, ähnlich wie das aus dem bürgerlichen Zeitalter übriggebliebene Theater. Der Film hat unterdessen längst Platz genommen in neueren Medien, die ihn wie ein altes liebgewonnenes Möbelstück aussehen lassen, auf dem der zur Rastlosigkeit verhaltene Überallhinschauer ein paar Augenblicke verweilen kann. Die explosive Kraft, die man ihm einst zutraute in der Hoffnung, damit der Enge der eigenen bürgerlichen Existenz zu entkommen oder gar die gesellschaftliche Ordnung als ganze zu sprengen, scheint unwiederbringlich verpufft. Ob der Film die ihm zugeschriebene Kraft einem anderen, neueren Medium übertragen konnte, bleibt fraglich. Eine so pathetische Kontroverse, wie er sie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts provoziert hat, wurde seither jedenfalls um kein Medium mehr geführt, Computer und Internet einbegriffen. In der Beurteilung des Films ging es nicht sowohl um Kunst, Wahrnehmung, Technik als um Gesellschaft und Revolution. Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, zwischen ihnen Bertolt Brecht, sollen als Zeugen aufgerufen werden in einem nunmehr historischen Prozeß, in dem das revolutionäre Medium Film, stellvertretend für die höchsten Hoffnungen einer Epoche, zu einem Medium der Kulturindustrie verurteilt wurde. Diese Strafe hat der Film anscheinend noch auf unabsehbare Zeit zu verbüßen.

Christoph Hesse ist Filmwissenschaftler. Er arbeitet an der FU Berlin an einem Forschungsprojekt zur Filmarbeit deutschsprachiger Emigranten in der Sowjetunion der 1930er und 40er Jahre.

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28.03.2012, 19.30
Barbara Umrath: „Keine Emanzipation ohne die der Gesellschaft“ –
Geschlecht(erverhältnis) und Kritische Theorie

Wenn man von der Kritischen Theorie spricht, kommen der autoritäre Charakter, die Dialektik der Aufklärung, Kulturindustrie und Antisemitismus in den Sinn. Dass die Gesellschaftskritik der frühen Kritischen Theorie auch eine geschlechtertheoretische Dimension hat, findet kaum Beachtung. Zugegeben: „Geschlecht“ war für Adorno, Horkheimer und Co. keine zentrale Analysekategorie, sondern findet eher beiläufig und an verschiedenen Stellen immer wieder Erwähnung. Dabei stehen Passagen, in denen die Unterdrückung von Frauen denunziert wird neben solchen, in denen die bürgerliche Familie und die mit dieser gegebene geschlechtliche Arbeitsteilung in einem verklärten Licht erscheinen. Dies brachte der Kritischen Theorie von feministischer Seite den Vorwurf ein, sie wiederhole die patriarchale Unterdrückung. Entsprechend verwundert es nicht, dass die Kritische Theorie heutzutage in der Frauen- und Geschlechterforschung kaum eine Rolle spielt.
Im Vortrag soll gezeigt werden, dass sich die feministischen Vorbehalte bei genauerer Betrachtung nur bedingt bestätigen. Auch wenn die Kritik des Geschlechterverhältnisses in manchen Punkten hinter dem heutigen Stand feministischen Theoriebildung zurückbleibt, so kann ein gesellschaftstheoretisch orientierter Feminismus von dieser doch wichtige Impulse aufnehmen.
Barbara Umrath studierte Diplom-Pädagogik an der Universität Augsburg und Soziologie an der New School for Social Research, NYC. Sie war lange Jahre in Frauenprojekten gegen Gewalt in Deutschland und Mexiko aktiv. Aktuell lebt sie in Köln und arbeitet an einer Promotion zum Thema Feminismus und Kritische Theorie.

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24.4.2012, 19.30 Uhr
Paul Mentz: Philosophie im Angesicht der Verzweiflung – Einführung in Adornos negative Moralphilosophie

“[…] despite the fact that Adorno did not produce a work of moral philosophy, his oeuvre as a whole is driven by an ethical vision, and hence that in order to do justice to his philosophy it is necessary to disentangle and elaborate the always presupposed ethical contours of his thought.“ (J.M. Bernstein)

Der Stellenwert der Moralphilosophie für Adorno lässt sich nicht ohne weiteres beantworten, da dieser selbst keine explizite Ethik ausformuliert hat. Dass Adorno sich den Fragen der Moralphilosophie in zwei Vorlesungen ausführlich gewidmet hat, lässt aber auf die Bedeutung moralphilosophischer Fragestellungen schließen. Ausgangspunkt der moralphilosophischen Reflexionen Adornos ist die grundlegende These der Dialektik der Aufklärung, dass die Emanzipation vom blinden Naturkreislauf und damit die Subjektwerdung des Menschen auf einem Prozess der fortschreitenden Rationalisierung beruht, welcher die Herrschaft über die innere und äußere Natur des Menschen blind reproduziert und so dazu beiträgt, Leid hervorzubringen. Es stellt sich daher die Frage, wie eine Moralphilosophie auszusehen hat, die angesichts der herrschenden Unfreiheit auf die Herstellung der Autonomie des Subjekts insistiert und zugleich das Einverständnis mit dem Leiden aufkündigt.
Adornos negative Moralphilosophie beruft sich, wenn auch kritisch, auf Kant, indem sie sich den Kantischen Freiheitsbegriff negativ aneignet, als Freiheit, die notwendig mit Unfreiheit vermittelt ist. Adorno versucht – ausgehend von der Kantischen Freiheitsantinomie in der Kritik der reinen Vernunft – nachzuweisen, dass das Identitätsprinzip der Vernunft Freiheit im emphatischen Sinne verhindert, wobei er gleichzeitig festhält, dass sich angesichts der herrschenden Unfreiheit trotzdem ein Begriff von Freiheit – als Voraussetzung von Moralität – bilden lässt, obwohl dieser Begriff nicht in der empirischen Welt aufgeht.
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ schreibt Adorno in den Minima Moralia. Andererseits weist seine Forderung, die Erziehung so auszurichten, „daß Auschwitz nicht sich wiederhole“ darauf hin, dass er an der Möglichkeit einer das Leiden minimierenden Praxis festhält, auch wenn diese selbst wiederum Gegenstand von immanenter Kritik ist. Die negative Moralphilosophie Adornos ist aus diesem Grund eine radikale Kritik an der Herrschaft, die sich angesichts des Leidens nicht auf einen theoretischen Standpunkt zurückziehen kann, will sie nicht in Affirmation des Leidens und der Unfreiheit umschlagen.

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22.05.2012, 19. 30 Uhr
Dirk Braunstein – Ökonomiekritik und Utopie (bei Theodor W. Adorno)

Als Philosoph, Soziologe, Musikwissenschaftler, Kunsttheoretiker und ungerechtfertigterweise vor allem als Kulturkritiker ist Adorno als ein Klassiker des europäischen Geisteslebens nach dem Tode fest etabliert, und dies nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch im Kulturbetrieb selbst. Daß er ein radikaler Kritiker der Produktionsverhältnisse war, kommt allerdings in den allermeisten Referenzen nur als Randnotiz pflichtschuldig zur Sprache; daß er sich mit ökonomischen Belangen aufgehalten habe, wird selbst von wohlmeinenden Kommentatoren entweder bestritten oder im Vergleich zu seinen Leistungen auf anderen Gebieten bagatellisiert. So sagt Jürgen Habermas: »Mit politischer Ökonomie hat sich Adorno nie befaßt.« Durchaus typische Einschätzungen wie diese legen den Verdacht nahe, daß die Adorno-Forschung sich ihrerseits zwar mit allem möglichen befaßt, aber ausgerechnet das Zentrum der Kritischen Theorie Adorno verlegen ignoriert habe.
Auf der Grundlage seines Buches »Adornos Kritik der politischen Ökonomie« (Transcript-Verlag) wird Dirk Braunstein die bis heute verbreitete Einschätzung widerlegen, daß der Rekurs auf Marx und zumal auf dessen Kritik der politischen Ökonomie in Adornos Werk ein Relikt aus bald überwundenen Stadien seiner Theorieentwicklung darstelle, eines, das er nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil nur mehr wie eine kostbare Antiquität mit sich geschleppt habe; ebenso die gängige Vermutung, daß Adorno sich mit der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ohnedies nie sehr intensiv beschäftigt habe.

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    Veranstaltungen 2011

15.12.2011, 19.30 Uhr
Hans-Ernst Schiller: Was ist Kritische Theorie?

Der Vortrag soll, als Auftakt einer Reihe von Veranstaltungen zur Kritischen Theorie, an das Thema heranführen. Genauer soll es um jene theoretische Haltung gehen, die ab den 1930er-Jahren von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno eingenommen wurde, deren Intentionen sich teils erheblich von denen der sogenannten zweiten Generation der Kritischen Theorie um und nach Jürgen Habermas unterscheiden. Der Referent wird diese Intentionen vorstellen und eine Perspektive auf ihre fortdauernde Relevanz öffnen.